Neuro-Webdesign · Ratgeber

Website-Texte schreiben: Warum „Wir bieten“ schlechter ankommt als „Du bekommst“

Von Franziska Spätling ·

„Wir bieten“ stellt den Anbieter in den Mittelpunkt, dein Besucher sucht aber zuerst seinen eigenen Vorteil. Viele Startseiten kleiner Betriebe beginnen trotzdem so. Hier siehst du fünf typische Wir-Muster, was dahintersteckt und wie du jedes davon umschreibst.

Vorab eine Einordnung: Eine Studie, die für alle Branchen belegt, dass „Wir bieten“ messbar schlechter konvertiert, gibt es nicht. Belegt sind einzelne Bausteine, die zusammen erklären, warum solche Sätze in der Praxis verpuffen. Sie stehen im Beitrag dort, wo sie zum jeweiligen Muster passen.

Die 5 Wir-Muster auf einen Blick

Die Beispiele stammen von erfundenen Betrieben, die Zusagen darin sind ausgedacht. Oben steht jeweils der Wir-Satz, darunter die umgeschriebene Fassung.

Leistungsliste: „Wir bieten ein breites Leistungsspektrum rund um Heizung und Sanitär.“

Umgeschrieben: „Du hast einen Ansprechpartner für Heizung, Bad und Warmwasser und koordinierst keine drei Handwerker.“

Selbstbeschreibung: „Wir sind ein inhabergeführtes Familienunternehmen mit über 25 Jahren Erfahrung.“

Umgeschrieben: „Du sprichst direkt mit dem Inhaber, der deinen Auftrag selbst begleitet, seit über 25 Jahren.“

Eigenlob: „Wir arbeiten zuverlässig, termintreu und kundenorientiert.“

Umgeschrieben: „Du bekommst im Angebot einen festen Starttermin, und wenn er sich verschiebt, erfährst du es 48 Stunden vorher.“

Fachbegriff: „Wir führen bei jeder Heizungsanlage einen hydraulischen Abgleich durch.“

Umgeschrieben: „Jeder Heizkörper bekommt genau die Wärme, die er braucht, und das Gluckern in den Rohren hört auf.“

Aufforderung: „Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Angebot.“

Umgeschrieben: „Schreib, was du brauchst, und du hast bis morgen einen Festpreis.“

Die umgeschriebenen Sätze enthalten nicht immer das Wort „du“. Entscheidend ist, wer im Satz etwas erlebt: Im Wir-Satz tut der Betrieb etwas, im umgeschriebenen Satz bekommt der Kunde etwas.

Der 3-Sekunden-Richter markiert mit rotem Stift fünf Textzeilen auf einem Blatt, Sinnbild für die fünf Wir-Muster auf Websites

Die 5 Muster im Detail

1. Die Leistungsliste

Eine Leistungsliste sagt, was du kannst, und lässt den Besucher selbst ausrechnen, was das für ihn heißt. Aus „Heizung, Sanitär, Bäder“ muss er ableiten, ob sein tropfender Wasserhahn, seine kalte Wohnung oder sein Badumbau gemeint ist. Besucher lesen nach Messungen der Nielsen Norman Group nur einen kleinen Teil der Wörter einer Seite, mehr dazu in Anzeichen 1 von 7 Anzeichen, dass deine Website Kunden kostet. Jede Übersetzungsarbeit geht von dieser knappen Aufmerksamkeit ab.

So erkennst du es: Streiche in deinem Satz „Wir bieten“. Bleibt eine Aufzählung von Substantiven übrig, ist es eine Leistungsliste.

So drehst du es um: Schreibe auf, was dein Kunde nach der Leistung hat, was er vorher nicht hatte: einen Ansprechpartner, einen festen Termin, eine warme Wohnung. Die Leistung folgt als Beleg danach.

2. Die Selbstbeschreibung

„Seit 1998 für Sie da“ beantwortet die Frage „Wer seid ihr?“, dein Besucher fragt aber zuerst „Worum geht es hier?“. Das ist die erste der drei stillen Fragen aus Die 3 Fragen, die jeder Website-Besucher unbewusst stellt. Jahre, Familienbetrieb und Teamgröße sind Belege. Als Einstieg stehen sie an der falschen Stelle, weil der Besucher noch nicht weiß, wofür sie sprechen.

So erkennst du es: Beginnt der erste Satz deiner Startseite mit deinem Firmennamen, mit „Wir sind“ oder mit einer Jahreszahl?

So drehst du es um: Setze den Nutzen an den Anfang und den Beleg in den Satz danach. „Du sprichst direkt mit dem Inhaber“ ist der Nutzen, „seit über 25 Jahren“ der Beleg.

3. Das Eigenlob

„Zuverlässig, termintreu, kundenorientiert“ schreibt jeder Mitbewerber auch. Solche Adjektive sind Behauptungen ohne Beleg, und Besucher kennen sie von jeder Firmenseite. Nielsen und Morkes verglichen 1997 verschiedene Schreibstile für Webtexte. Die sachliche Fassung war um 27 Prozent besser nutzbar als die werbliche Kontrollfassung, ein knapper, überfliegbarer und sachlicher Text zusammen brachte 124 Prozent. Als Erklärung nennen die Autoren, dass werbliche Sprache die Leser belastet, weil sie Übertreibungen erst herausfiltern müssen (How Users Read on the Web). Die Messung ist fast dreißig Jahre alt und taugt als Richtwert, nicht als Gesetz.

So erkennst du es: Könnte jeder Mitbewerber den Satz wörtlich auf seine Seite stellen? Dann ist er Eigenlob.

So drehst du es um: Ersetze das Adjektiv durch eine Zusage, die sich prüfen lässt: eine Frist, eine Zahl, einen Ablauf. Aus „termintreu“ wird „fester Starttermin im Angebot“.

4. Der Fachbegriff ohne Übersetzung

Ein Fachbegriff beschreibt dein Verfahren, nicht das Ergebnis deines Kunden. „Hydraulischer Abgleich“, „Liquiditätsplanung“ oder „Rahmenvertrag“ sind für dich präzise Wörter. Für den Besucher bleiben sie ein Rätsel, solange das Ergebnis fehlt, und er sieht nicht, was er für sein Geld bekommt.

So erkennst du es: Würde ein Nachbar aus einer anderen Branche den Satz verstehen?

So drehst du es um: Lass den Begriff stehen, aber stelle das Ergebnis voran. „Jeder Heizkörper bekommt genau die Wärme, die er braucht“ kommt zuerst, der Fachbegriff folgt im nächsten Satz. Er bleibt als Beleg für dein Fachwissen wichtig, und manche Kunden suchen genau danach.

5. Die Aufforderung aus Anbietersicht

„Kontaktieren Sie uns“ nennt, was der Besucher tun soll, aber nicht, was er davon bekommt. Ein Button wie „Festpreis anfragen“ benennt dagegen das Ergebnis. Wie Text, Farbe und Platzierung eines Buttons zusammenspielen, steht in Der perfekte Call-to-Action.

Am Button zeigt sich außerdem, dass „Du“ keine Pauschalregel ist. Michael Aagaard von ContentVerve berichtet von zwei Tests mit Button-Texten in der Ich-Form gegen die Du-Form (Unbounce). Auf einer PPC-Landingpage erzielte „Get my free 30-day trial“ 90 Prozent mehr Klicks als „Get your 30-day trial“. Auf der Bezahlseite eines Kunden schnitt die Du-Variante um 24,95 Prozent schlechter ab als die Ich-Variante. Stichprobengrößen nennt der Bericht nicht, die Zahlen sind also nur ein Hinweis. Eine naheliegende Erklärung: Am Button spricht der Besucher selbst, deshalb kann „Mein Erstgespräch sichern“ stärker wirken als „Dein Erstgespräch sichern“.

Der Schluss daraus: Prüfe deine Buttons mit eigenen Zahlen statt mit einer Pauschalregel. Mit Klick-Tracking siehst du, welche Fassung öfter geklickt wird. Bei wenigen Besuchern pro Woche brauchen die Unterschiede mehrere Wochen, bis sie aussagekräftig sind.

Was dahintersteckt: der Selbstbezug

Menschen behalten Informationen besser, wenn sie sie auf sich selbst beziehen. Der Befund heißt Self-Reference-Effekt und geht auf Rogers, Kuiper und Kirker (1977) zurück. Eine Untersuchung von Serbun, Shih und Gutchess (2011) beschreibt ihn als robust über rund dreißig Jahre Forschung und über alle Altersgruppen hinweg (Memory, 19(8)).

Ein Du-Satz fordert genau diesen Bezug heraus: Der Leser prüft, ob die Aussage ihn betrifft. Ein Wir-Satz lässt ihm nichts zu prüfen übrig. Dazu die Einschränkung: Rund 80 Prozent der Studien in diesem Feld arbeiteten mit Eigenschaftswörtern, nicht mit Webtexten. Dass derselbe Mechanismus Du-Sätze auf Startseiten stärker macht, ist eine Annahme und kein Beweis.

Gilt das auch mit „Sie“?

Ja, es geht um die Blickrichtung und nicht um das Pronomen. „Sie bekommen bis morgen einen Festpreis“ stellt den Kunden genauso in den Mittelpunkt wie „Du bekommst bis morgen einen Festpreis“. Welche Anrede zu deiner Kundschaft passt, entscheidest du. Wichtig ist, dass du sie auf der ganzen Seite durchhältst.

So schreibst du einen Wir-Satz um

Drei Schritte reichen für jeden der fünf Fälle:

  • Schritt 1: Streiche „Wir“ und „Unser“. Was übrig bleibt, ist die Leistung.
  • Schritt 2: Frage, was der Kunde danach hat, was er vorher nicht hatte. Schreibe das als Satz, in dem er etwas bekommt, erlebt oder spart.
  • Schritt 3: Ergänze einen Beleg mit Zahl, Frist oder Referenz. Hier darf „Wir“ wieder stehen.

Vorher: „Wir bieten Buchhaltung für Handwerksbetriebe.“

Nachher: „Du siehst bis zum 10. des Monats, was nach Steuern übrig bleibt. Dafür lädst du deine Belege hoch, den Rest erledigen wir.“

Selbst-Check für deine Startseite

Wer die eigene Seite jeden Tag sieht, überliest die eigenen Wir-Sätze. Kopiere den Text deiner Startseite in ein Dokument und prüfe fünf Punkte:

  • Beginnt der erste Satz mit „Wir“, „Unser“ oder deinem Firmennamen?
  • Kommt der Besucher in der Überschrift vor, oder nur dein Betrieb?
  • Steht hinter jeder Leistung ein Ergebnis, das der Kunde bemerkt?
  • Könnte ein Mitbewerber jeden Satz der ersten beiden Absätze wörtlich übernehmen?
  • Sagt jeder Button, was der Besucher bekommt?

Zähle zusätzlich mit Strg+F in den ersten beiden Absätzen die Wörter „wir“, „uns“ und „unser“ und danach „du“ und „dein“ (bei der Sie-Anrede „Sie“ und „Ihr“). Steht dein Betrieb häufiger im Mittelpunkt als dein Besucher, ist der Einstieg auf den Anbieter ausgerichtet. Das ist eine Faustregel und keine wissenschaftliche Grenze.

„Wir“ ist kein Fehler, es gehört hinter den Nutzen. Auf der Über-uns-Seite, bei Referenzen und als Beleg im zweiten Satz arbeitet es für dich. Es verliert nur dort, wo es die Überschrift oder den ersten Satz besetzt. Sprache ist einer von acht Erfolgsfaktoren in Website für kleine Unternehmen, und einer von sechs häufigen Gründen für ausbleibende Anfragen steht in 6 Gründe, warum deine Website keine Anfragen bringt.

Häufige Fragen zu Website-Texten

Ist „Du bekommst“ wirklich besser als „Wir bieten“?

Für alle Branchen lässt sich das nicht belegen. Belegt sind einzelne Bausteine: Sachliche Webtexte sind besser nutzbar als werbliche (Nielsen und Morkes, 1997), und Menschen verarbeiten Informationen besser, wenn sie sie auf sich beziehen (Self-Reference-Effekt). Am Button kann sogar die Ich-Form besser abschneiden. Prüfe deine Texte deshalb mit eigenen Klickzahlen, statt dich auf eine Pauschalregel zu verlassen.

Muss ich auf meiner Website „du“ schreiben?

Nein. Entscheidend ist die Blickrichtung, nicht das Pronomen. „Sie bekommen bis morgen einen Festpreis“ stellt den Kunden genauso in den Mittelpunkt wie die Du-Fassung. Wähle die Anrede, die zu deiner Kundschaft passt, und halte sie auf der ganzen Seite durch.

Darf „wir“ auf meiner Website überhaupt vorkommen?

Ja. „Wir“ gehört hinter den Nutzen: auf die Über-uns-Seite, zu Referenzen und als Beleg in den zweiten Satz. Es verliert nur dort, wo es die Überschrift oder den ersten Satz besetzt.

Wie erkenne ich Wir-Sätze auf meiner Startseite?

Streiche „Wir bieten“ aus dem Satz. Bleibt eine Aufzählung von Substantiven übrig, ist es eine Leistungsliste. Kopiere außerdem den Text deiner Startseite in ein Dokument und zähle in den ersten beiden Absätzen mit Strg+F die Wörter „wir“, „uns“ und „unser“ gegen „du“ und „dein“.

Wie schreibe ich einen Wir-Satz um?

In drei Schritten: Streiche „Wir“ und „Unser“, frage dann, was der Kunde danach hat, was er vorher nicht hatte, und ergänze zuletzt einen Beleg mit Zahl, Frist oder Referenz. Aus „Wir bieten Buchhaltung für Handwerksbetriebe“ wird so „Du siehst bis zum 10. des Monats, was nach Steuern übrig bleibt“.

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Franziska Spätling, FS Webdesign

Zertifizierte Neuro-Webdesignerin aus Bubenreuth bei Erlangen. Baut Websites für Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern, ausgezeichnet mit dem Neuro Web Award für die Website der Fahrschule Dittrich.

Mehr über die Arbeitsweise
Franziska Spätling, zertifizierte Neuro-Webdesignerin